In der “Zeit” vom 17. Mai 2017 heißt es:

Eine Verurteilung des Gutmenschen muss sachlich beginnen und sich dann schamlos ins Rationale steigern. Genau darauf nämlich reagieren sie allergisch, die Gutmenschen, und genau das macht sie so gefährlich, für die Meinungsfreiheit, für die Demokratie und für den gesellschaftlichen Fortschritt insgesamt. Ein Gutmensch ist jemand, bei dem das moralische Urteil am Anfang des Denkprozesses steht statt an dessen Ende. Gutmenschen geht es darum, zu beweisen, wer der bessere Mensch ist, statt darum, wer die besseren Argumente hat . . . .

. . . .Die Pose des Gutmenschen ist die Betroffenheit, sein Gemütszustand die Empörung, seine Methode die “politische Korrektheit”. . .

Zeit online 17. Mai 2017 –

Die Betroffenheit ergänzend “argumentiert” der sich positionierende Gutmensch häufig recht pauschal. In Xy ist alles schlecht bzw nichts gut……. etc. etc. Im Rahmen unterschiedlichster “Zughörigkeiten” werden Fahnen schwingend, pauschalisierende Mantras gebetet um damit aufzuzeigen, was politisch korrekt zu sein hat. Ein Stammtisch der Ignoranz? Ja, weil oft pauschalisierend, wenig substanziell und auf Beachtung bedacht. Also Fakten ignorierende Show. Nein, weil Fläche bietend kritisch zu hinterfragen (sofern geneigt den Diskurs zu führen)

Ich bin der Ansicht, es gibt hinreichend politische Themen, die geeignet wären einem “Gutmenschen” (immer gut meinend) eine Basis zu bieten, die ihm die offensichtlich wichtige Anerkennung ermöglicht. Nun scheint es jedoch den Anschein zu haben, dass eine durchaus größer werdende Zahl von Gutmenschen pauschalierte politische Korrektness übergreifend, gleichsam weltumspannend, da multikulturell, nutzt, um auch in den Bereichen Kunst und Design mit Korrektness zu befrachten, um im Rahmen von Interpretation eine Linie fest zu legen. Die Kunst, und dies weise ich auch dem Design zu, lebt von der Möglichkeit dem Betrachter im Werk die Möglichkeit der Interpretation zu bieten. Weder Kunst noch Design sind trivial. Die Möglichkeit zur Interpretation ist also immanent.

Ein fruchtbarer Boden der anscheinend darauf wartet von Gutmensch, Gender neutral, genutzt zu werden. Sobald also ein vermeindlich passendes Objekt oder Werk erfasst, wird interpretiert. Die persönliche Meinung des gut meinenden wird dann genutzt um möglichst viele andere gut meinende Gefolgschaften zu finden, um zu postulieren, was als nicht politisch korrekt interpretiert und damit empfunden wird. Im Ergebnis drängt die sich formende Masse derer, die der Interpretation folgen darauf, Objekte vom Markt zu nehmen, Kunst nicht in den öffentlichen Raum zu bringen und Künstler, Designer und Produzenten öffentlich abzustrafen.

Die essentiellen Eigenschaften werden dabei jedoch offensichtlich außer Acht gelassen. Zum Beispiel designte Gucci für 2019er Kollektion einen schwarzen Rollkragen Pullover (pull over verdient hier einen Zusatzpunkt. Dieses Kleidungsstück wurde mit einem Schlitz versehen, der rot umstrickt ist. Das eröffnet Möglichkeiten. Einen Rollkragen Pull Over seinem doppelten Zweck dienlich zu nutzen, zum einen den Hals wärmend, zum anderen auch Gesicht und Nase schützend, ist nicht neu. Dies mit einem, vor allem auch praktischen, Element zu versehen ist eine Idee. Der feuchte Atem hängt nicht mehr im Pullover. Die Stück wurde dann, nicht Gender neutral, mit einem roten Strickmund versehen.

Dies führt nun dazu, dass eine größere Menge an gut meinenden Menschen sich genötigt fühlt sofort zu interpretieren, es handele sich um eine Interpretation des “Black Facing” sei deshalb rassistisch und durch die Möglichkeit einer solchen Interpretation Ignorant von Seiten des Designers und Produzenten. Gucci entschuldigte sich umgehend, nahm den Balaclava (engl. schützendes und wärmendes Kleidungsstück) vom Markt und vernichtete die Produktion.

“Gucci entschuldigt sich aufrichtig für die Beleidigung durch den Balaclava-Jumper”, heißt es in einem Statement des Luxuslabels. Und weiter: “Wir erachten Diversität als einen grundlegenden Wert, der in jedem Fall hochgehalten und respektiert werden muss, und der bei jeder Entscheidung an erster Stelle steht.”

Quelle Gucci –

Gucci räumt also ein, es handle sich um eine Beleidigung. Der Designer hat also vorsätzlich hinsichtlich “Black Facing” entworfen? Oder entschuldigt sich Gucci dafür nicht erahnt zu haben, dass manch einer solche Interpretation vornehmen könnte? Weiter führt Gucci an, Diversität würde als grundlegender Wert an erster Stelle stehen. Wie soll das denn möglich sein, wenn ein wärmendes, funktionales Kleidungsstück nicht mehr in kontrastierenden Farben designed werden darf, weil, wer auch immer, darin interpretiert, es solle eine bestimmte Aussage getroffen werden?

Sehen wir einmal davon ab, dass es wenig nachhaltig ist, wenn “guter Mensch” mittels einer Interpretation einen Konzern dazu bewegt, eine Produktion zu vernichten. Genauso wird es an- und/oder aufregen, wenn ein Konzern aus dem Bereich der Mode, oft gleich zu setzen mit Kunst und/oder Design, eventuell aus Gründen des “Sharholder Value”, einer solchen Interpretation entspricht und der selbst ins Feld geführten Diversität den Raum nimmt. Denn wenn die “Annahme” rassistischer Vorwürfe hinsichtlich kontrastierendem Design als diversitätsgefährdend gilt, führt die Interpretation weniger zur Einschränkung der Kreativität in Kunst und Design. Und dies in diesem Fall auf einer Basis, die keine Symbole wählte. Hier wird kreative Freiheit letztlich von beiden Seiten beschnitten. Ein Weg der, konsequent weiter betrachtet, einzig eine Gleichschaltung zur Folge haben kann.

Abschließend drängt sich mir noch die Frage auf, ob der interpretierende Gutmensch als Verursacher von Phänomenen zu betrachten ist. Seine Interpretation beruht einzig auf seinen persönlichen Erfahrungen, Einstellungen etc. Er setzt also in Beziehung zu, um daraus pauschalisierend ein Urteil zu fällen und damit eine Änderung bewirken zu wollen. Das nenne ich, da Interpretation genutzt wird um anzugreifen, Polemik. Die damit vorzunehmende Demaskierung des vermeintlichen Gegeners des Gutmenschen ist letztlich nur eine durch den Gutmenschen vorgenommene Maskierung des anfänglich zumeist nichts ahnenden Gegenübers, die er selbst aus seinen Interpretationen vornimmt. Die Demaskierung nimmt der “gute Mensch” dann für sich in Anspruch. Beziehe ich dieses Verhalten auf Kunst und Design sowie kreatives Handeln im allgemeinen, scheinen dem “guten Menschen” dort einfach die Möglichkeit zu fehlen selbst künstlerisch kreativ zu handeln.