Aus unserem großen Fundus an Entwürfen und Zeichnungen von Otto Surges haben wir wieder einige Besonderheiten herausgesucht. Bislang wurde deutlich, dass wir Otto Surges durch seine Zeichnungen im Raum Köln und Düsseldorf in den Jahren 1924 bis ca. 1928 nachweisen konnten. Um 1930 führte die künstlerische Spur über Dessau  nach Berlin. Im Rahmen seiner Entwürfe in Dessau wenden wir uns heute nicht den vorliegenden Interiorbildern zu, sondern richten die Aufmerksamkeit auf einige Wandbilder, die er zwischen 1928 und 1930, auf dem Weg ans Bauhaus oder am Bauhaus für Gebäude in Köln zeichnete. Besonders interessant an diesen Bildern ist der Bezug zum Sozialistischen Realismus. Einer Richtung, die leider immer noch deutlich verkürzt, mit der Kunst in der DDR gleichgesetzt wird. Hier ist tiefer zu gehen zumal die Beeinflussungen von Bauhaus und Sozialistischem Realismus wirklich interessant sind.

Otto Surges Bauhaus Wandgemälde
Otto Surges Bauhaus Wandgemälde

Sozialistischer Realismus (kurz auch Sozrealismus genannt) war eine ideologisch begründete Stilrichtung der Kunst des 20. Jahrhunderts mit dem Versuch einer starken Wirklichkeitsnähe und dem Fehlen von Abstraktion und Ästhetisierung. Der Sozialistische Realismus stellte Themen aus dem Arbeitsleben und der Technik des sozialistischen Alltags in den Vordergrund, etwa optimistisch nach vorn blickende Arbeiter eines Kolchos auf einem Traktor. Der Moderne zugewandte Künstler empfanden den Sozialistischen Realismus als „billige Massenkunst“  und gingen aus Angst vor politischer Verfolgung in die innere Emigration.

Diese Stilrichtung ging von der Sowjetunion aus und „verbreitete“ sich im ganzen „Ostblock“. Sie geht auf den am 23. April 1932 als Tagesordnungspunkt Nr. 21 der Sitzung des Zentralkomitees der KPdSU gefassten Beschluss zur „Liquidierung der Assoziation proletarischer Schriftsteller (VOAPP, RAPP)“, zur Vereinigung aller Schriftsteller, „die für die Politik der Sowjetmacht sind und bestrebt sind, am sozialistischen Aufbau mitzuwirken“ in einem einheitlichen Verband sowie zur entsprechenden „Umgestaltung in den anderen Kunstgattungen … (Vereinigung der Musiker, Komponisten, Künstler, Architekten usw. Organisationen)“ zurück.  Ab diesem Zeitpunkt war sie als Richtlinie für die Produktion von Literatur, bildender Kunst und Musik im gesamten sozialistischen System maßgebend und wurde für die im Einflussbereich der Sowjetunion liegenden Staaten offizielle Doktrin im Kulturbetrieb. Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler haben oft im vollen Glauben zum Aufbau des „realen Sozialismus“ beigetragen und dafür beachtliche materielle Privilegien genossen.

Die Ursprünge dieser Form des Realismus gehen jedoch viel weiter zurück.

Hier ein kurzer Blick auf die Beziehungen zwischen Bauhaus und Sowietischem Realismus und pre sozialistischem Realismus.

Otto Surges und der Sozialistische Realismus

Aus der ZEIT vom 20.01.2015:

„Ein russisches Labor der Moderne“.

Jetzt erst wird deutlich: Die 1920 in Moskau gegründeten Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten, in russischer Abkürzung Wchutemas, die wie das Bauhaus nur rund zehn Jahre bestanden, haben die Architektur womöglich stärker revolutioniert als jede andere Ausbildungsstätte des 20. Jahrhunderts. Ihre Ergebnisse waren radikaler, voraussetzungsloser, wilder und spektakulärer als alles, was selbst das Bauhaus hervorbrachte. Die Moderne, so wie sie heute vor uns steht, tritt hier bereits in Raum- und Konstruktionsbildern vor Augen, die erst Jahrzehnte später wiederkehrten und für die zum Teil selbst heute noch keine technischen Realisierungsmöglichkeiten gefunden sind. Selbst allerjüngste Kulturströmungen wie Postmoderne, Dekonstruktivismus oder Pop Art sind hier vorweggenommen, sodass vieles, was heute als „neue architektonische Erfindung“ gefeiert wird, vor den nie realisierten Entwürfen dieser Architekturschmiede wie Abklatsch erscheint.

Woher kamen die Ideen? Der unglaubliche Schwung war selbstverständlich der historischen Situation geschuldet. Als müsse die Welt nach Lenins Oktoberrevolution völlig neu erfunden werden, wurden die Konventionen von Jahrhunderten über Bord geworfen. Der gesamte Kanon der Architekturgeschichte und das Instrumentarium herkömmlicher Herangehensweisen an die Entwurfsaufgaben verfiel dem Verdikt des Traditionalismus. Während sich Gropius in Weimar mühte, „die Sammlung alles künstlerischen Schaffens zur Einheit, die Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen – Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk – zu einer neuen Baukunst“ zu realisieren und den „Grundstein einer Republik der Geister“ zu legen, ging es den Gründern der Wchutemas in Moskau um die Schaffung von „Kadern der bildenden Kunst, die die Forderungen des Staates in Kunstangelegenheiten mit maximal vollendeter Technik und einem klaren Verständnis für die Aufgaben des Aufbaus des Arbeiter- und Bauernstaates“ erfüllen könnten (David Schterenberg 1920).

Charakteristisch für den Moskauer Ansatz war von Anfang an die innige Vermengung von Ideologie und technologischem Ehrgeiz. Über die einzuschlagende Strategie kam es zu einem zuletzt sogar mörderischen Konkurrenzkampf zwischen den eigensinnigen Vertretern der Hauptströmungen des kulturellen Neuaufbruchs, den Rationalisten, Konstruktivisten, Psychoanalysten und Historisten. Innerhalb weniger Jahre wechselte die Leitung dreimal, jedes Mal mit der Konsequenz eines diametralen inhaltlichen Kurswechsels. Der letzte dieser Wechsel machte die Lehranstalt, die inzwischen als Wchutein firmierte, selbst überflüssig, weil er mit dem Sieg der Historisten über die „Neuerer“ den Stalinschen „Sozialistischen Realismus“ als Einheits(zuckerbäcker)stil inthronisierte – mit der Folge, dass „zahlreiche Künstler und Intellektuelle in Lager eingewiesen, viele auf schreckliche Weise um ihr Leben gebracht wurden“ (Thomas Oberender, Gereon Sievernich)……

….. Den kompletten Artikel finden Sie hier: https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article136550270/Das-russische-Bauhaus-war-moderner-als-die-Moderne.html

Der Kontakt zum Bauhaus stellte sich unter anderem wie folgt dar: …….. Lange bevor Stalin dem kreativen Treiben 1932 ein Ende machte, hatte schon 1918 der von Lenin eingesetzte Volkskommissar für das Bildungswesen, Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski, davor gewarnt, das gesamte künstlerische Erbe von „Adam bis Majakowski als einen Haufen Plunder“ zu deklarieren. In diese Kerbe schlugen in den späten Zwanzigern die Prawda und die Klassizisten. Wer die Prinzipien des Maschinenbaus zu denen der Kunst mache, verrate das Proletariat. In seinem Streben, sein Leben zu verschönern und vom Bildungspotenzial der Kunst zu profitieren, dürfe es durch die „hemmungslosen Reißbrettfantasien kleiner Corbusiers“ nicht behindert werden. Es blieb den deutschen Korrespondenzpartnern der Russen vorbehalten, an dem „im Bauhaus Dessau begonnenen Werk einer proletarisch orientierten Architektur und einer marxistischen Erziehung zum Bauen“ (Hannes Meyer) festzuhalten – bis sie 1930 selbst nach Moskau eingeladen wurden, um „an der Entwicklung des Bauwesens in der Sowjetunion von bestimmender Stelle aus mitzuwirken“.

Hier noch weniger “Radikal” aus dem Jahr 1927 als Wandbild einer Arbeitersiedlung

Angesichts heutiger Erkenntnisse über die seinerzeit schon seit zwei Jahren wütenden Attacken gegen das „Neuerertum“ war es ein Himmelfahrtskommando. Zwei Jahre später wurden die Deutschen, an der Spitze die Gruppe May, die sich ihrerseits für „viel kommunistischer, als die Russen selbst“ gehalten hatte (Walter Schwagenscheidt), wieder hinausgeworfen. Da fast zu gleicher Zeit auch die Nazis mit sozialistischen Experimenten im Bauwesen Schluss machten, war die Ära der gebauten Revolution fürs erste europaweit beendet. Erst mit dem Neuanfang nach dem Krieg (in der UdSSR erst mit Chruschtschow) lebte sie wieder auf – diesmal, um die Welt zu erobern.

Otto Surges Wandgemälde
Der eher trivialen Formensprache des Realismus folgte Otto Surges bis zu Entwürfen für die “kleinste bourgeoise Hütte” Wandgemälde, Jagdhütte

Die hier vorliegenden Entwürfe von Otto Surges runden diesen kurz gespannten Überblick ab. Interessant, der Einfluss des Realismus in völlig unterschiedliche “Lebensentwürfe”

Das Thema Sozialistischer Realismus während der DDR wird mit der Mappe 40 Kunstwerke der DDR weiter geführt. Die Mappe ist hier zu finden: Bitte klicken

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