Kunst, Kanzlerschaft und ein weißer Fleck an der Wand

Im Bremer Weser Kurier titelte man: „Die Art Colone kann auf Nolde nicht verzichten.“ Es folgten einige relativ flache Statements von Kunsthändlern, weshalb Nolde dort gezeigt wird. Ergänzt um Kommentare dazu, dass man sich mit anderen Künstlern und ihrem Werk sicher auch kritisch auseinandersetzen müsse, wenn es um den jeweiligen Künstler ginge. Dies führte so weit, dass eine Debatte über Picasso und wie er im Rahmen einer „Me Too“ Diskussion bewertet werden müsse, als Argument herhalten musste. Zentrales Thema jedoch war, dass aus dem Kanzleramt zwei Noldes entfernt wurden. Hier wurde der Schluss gezogen, dies sei aufgrund von Noldes Anhängerschaft zum NS Regime geschehen.

Ein Bericht der nicht nur Fragen aufwirft, sondern wohl auch einiger Korrekturen bedarf. Darüber hinaus sollte er eventuell auch Anlass bieten, sich dem NKH Bremen (Nordische Kunsthochschule) nochmals zu nähern.

Ich möchte jedoch mit der Art Colone beginnen. Die Art Colone ist keine Werkschau oder vielfältige Galerie, sondern eine Kunst-Handelsmesse. Es gilt unterschiedlichste Werke an einen Käufer zu bringen. Unabhängig von vertretenen Stilen, Richtungen, Intentionen wird dort einfach gehandelt. Nolde ist da ein Handelsobjekt wie jedes andere und nicht mal eines der teuersten. Hier Händler nach Kommentaren zur Handlung von Frau Merkel zu befragen ist relativ sinnfrei. Unabhängig davon wie Frau Merkel handelt, steht hier im Vordergrund zu verkaufen. Ein politisches Statement zur deutschen Kunstgeschichte, von einem Händler auf einer der wichtigsten Handelsmessen zu erwarten, ist da wohl wenig weitsichtig.

Bildquelle Schottische Nationalgalerie

Dennoch schien einer der befragten Händler, Herr Rotermund, einen kritischen Beitrag leisten zu wollen. Er betonte entsprechend des Berichtes des Weser Kuriers, …. Man müsse, wenn man sich mit Nolde auseinandersetzen wolle, auch eine Auseindersetzung zu weiteren Künstlern führen…. und ….wenn man es von der Person abhängig mache. „Dann müssen wir uns mit Picasso beschäftigen, der sicherlich mit Blick auf Me Too nicht ganz einwandfrei war. Karl Schmidt-Rottluff hat sich hier und da antisemitisch geäußert.“

Sehr geehrter Herr Rotermund, ich maße mir nicht an, über Ihren Kunstsachverstand zu urteilen, Ihre gesellschaftspolitische Kompetenz stelle ich jedoch massiv in Frage! Sie wagen es, das Verhalten von Künstlern in Bezug auf eine „Me Too“ und deren Ausrichtung hinsichtlich des NS Regimes miteinander zu vergleichen und damit dem NS Regime den gleichen Stellenwert zuzuordnen, den auch eine mögliche sexuelle Belästigung einnehmen würde. So kommen wir dann wohl maximal zu einer „Me Tooschen“ Sichtweise des Nationalsozialismus. Das möchte ich jetzt nicht vertiefen, aber: Herr Rotermund, einen solchen Vergleich auch nur in Ansätzen zu vertreten, verlangt nach einer öffentlichen Entschuldigung und ergänzender Klarstellung, sowie deutlichem Aufzeigen der Unterschiede zwischen schwersten Verbrechen gegen jede Form der Menschlichkeit und relevanter Verfehlungen in sexuell motivierten Verhaltensweisen.

Auch der Austeller Hagemeier wird erwähnt. Es wird geschlossen, dass er Verständnis für die Handlungsweise der Kanzlerin habe. Denn…. Sie müsse ja bedenken wofür Deutschland stehe. Herr Hagemeier, haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie lange Frau Merkel schon in ihrem Arbeitszimmer sitzt. Sind sie wirklich der Ansicht, Frau Merkel hat seit 2005 nicht darüber nachgedacht, was in ihrem Arbeitszimmer hängt. Damit unterstellen Sie Frau Merkel nicht unbedingt Weitsicht.

Herr Ludorf sieht im Akt des Abhängens, aus der Sicht eines Kunsthändlers, eine mögliche fatale Wirkung. Für ihn sicher möglich, es könnten die Preise sinken. Er betont jedoch auch, dass die persönliche politische Ausrichtung eines Künstlers diesen noch interessanter machen könne und ergänzt, dass Nolde keine propagandistische Kunst für die Nationalsozialisten geschaffen habe. Hat er oder hat Nolde nicht? Zumindest konnte Nolde nicht verstehen, weshalb der NS Führung seine Bilder nicht gefielen. Da verlangt die Frage nach der Verquickung von Kunst und Nationalsozialismus wohl nach einer längst überfälligen, wissenschaftlich geführten Auseinandersetzung mit der NKH Bremen.

Die im Artikel angerissenen Stellungnahmen betrachte ich als konsequent blamabel.

Kommen wir jedoch abschließend zum eigentlichen Punkt. Frau Merkel ließ zwei Noldes aus ihrem Arbeitszimmer entfernen. Ich möchte einfach davon ausgehen dürfen, dass eine seit 2005 im Amt befindliche Bundeskanzlerin weiss was in ihren Räumen hängt. Sie hat die Möglichkeit dort Noldes haben zu können. Hat nicht jeder. Nimmt sie sie ab, ist dies wohl kaum ein Anlass zu solch unqualifizierten Statements. Sie kann auch einfach nur etwas anderes dort haben wollen. Es wird kaum, wieder eine dieser unnötigen Deutungen in dem Artikel, bei einem weißen Fleck bleiben. Den sehe ich zur Zeit nur im in den Darstellungen der zitierten und vor allem auch in der Auseinandersetzung des Schreibenden mit Kunst im Nationalsozialismus und Kunst an der NKH im speziellen. Dazu habe ich persönlich meine Ansicht vor geraumer Zeit hier hinterlassen: https://www.kuk.one/2019/01/15/entartete-kunst-nationalsozialistische-kunst-maerkte/

Jede ernst zu nehmende Diskussion über die Noldes im Arbeitszimmer der Bundeskanzlerin hätte meiner Ansicht nach geführt werden müssen, als die Bilder dort aufgehängt wurden. Diese pseudo Diskussion zum „abhängen“ ist, so wie vorgenommen, einzig blamabel.

Bleibt noch die Frage ob die Bundeskanzlerin diesen Sturm im Wasserglas kommentieren sollte. Ich denke nein. Sie könnte jedoch anregen, vor allem auch hier in Bremen, wo die NKH als einizige Kunsthochschulen Neugründung im Nationalsozialismus ansässig war, konkreter zu Kunst und NS Regime an der NKH zu diskutieren.

Der Artikel des Weser Kuriers ist hier zu finden: https://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-die-art-cologne-kann-auf-nolde-nicht-verzichten-_arid,1821314.html