Eine der vielen dichten, interdisziplinären Begegnungen im Leben Günter Tollmanns war sicher der Austausch mit Harald Hartung. Harald Hartung, der Germanist, Philosoph und Professor für Deutsche Sprache und Literatur, Mitglied des PEN-Zentrums Deutschlands, der Akademie der Künste, der Akademie der Wissenschaft und Literatur sowie vieler weiterer führender Zusammenschlüsse, ausgezeichnet mit vielen Würdigungen, schrieb die einführenden Worte zur Vernissage Tollmanns in Bremen, Ende der 70er Jahre.

Die Ausdruckskraft Hartungs misst sich am Werk Tollmanns. Es ergänzt als Einführung und verschmilzt als komplexe Anerkennung der Arbeiten.Dieser Text, vor wenigen Tagen gefunden (Mai 2019) spiegelt das ergänzende Moment, wenn die Kunst der Sprache auf die Sprache der Kunst trifft.

Nicht die Abkürzungen, die kürzesten Wege zum Ziel sind oft Umwege. Exempel hierfür ist der Maler Günter Tollmann, dem — wie allen Angehörigen seiner Generation — etliche Jahre gestohlen wurden. Während der ‘junge’ Maler heute seine Versuche im ständigen Konnex mit der aktuellen Kunstentwicklung (und auch mit dem Markt) machen kann, hatte Tollmann Wege und Irrwege weitgehend allein zu absolvieren, um sich von tödlicher Konvention zu befreien. Abkürzungen sind gefährlich — Tollmann mußte sie sich sparen. Versuchungen durch modische Extreme gab es kaum, weder durch den Automatismus der Farbe noch den Purismus des Konstruktiven. Tollmann konnte sich seine Bildsprache, sein Thema in immer neuen Ansätzen entwickeln. Was als neuestes Evangelium ausgegeben wird, Bezug zu neuer Gegenständlichkeit, war ihm von je selbstverständlicher Ausgangspunkt und blieb, immer noch kenntlich, am Horizont des fertigen Bildes.

Ein eminent physiognomisches Interesse nährte sich aus zahllosen Porträtzeichnungen und setzte sich in reine Malerei um. Dieses physiognomische Moment wird — im wahrsten Sinne des Wortes — nie „aus dem Auge verloren”: Augenformen, mimische Prozesse und Details sind selbst auf den weitgehend abstrahierten Bildern noch aufzuspüren — Augenhöhlen blicken uns an. Aus solcher Suggestivität rührt eine Faszination die auf den Betrachter ausgeht. Konnte Günter Tollmann die ersten Reihen seiner gültigen Bilder noch „Figuren” oder „Visagen” nennen, so versagt er sich heute solche direkten Verweise: das Physiognomische ist ganz umgesetzt in malerischen Gestus, aufgegangen in die Komposition des Bildes. Der gegenständliche Anlaß, die Visage, ist lediglich als Anspielung präsent.

Der Entstehungsprozeß der Bilder, das Handwerkliche bis in die Art des malerischen Vortrags und die Wahl der Farben leitet sich aus diesem spezifischen Ansatz ab. Die Initialzündung — das Interesse an Physiognomien, das Bedrängt-werden durch Gesichter und Gesichte — löst Anstöße aus, die sich in einem oft langwierigen Umsetzungsprozeß kompositionell beruhigen. Die Farbmaterie, die Haut der Bilder verleugnet die Spuren nicht, die sich aus Schichtungen, Zerstörungen und neuen Schichtungen ergeben. So ist das fertige Bild nicht a priori Konzeption, sondern der Endpunkt einer Reihe von Annäherungen, die einander in eine jeweils tiefere Schicht verdrängen. Erst wenn das Bild fertig ist, weiß der Maler, was er hat suchen wollen. Solche Malerei ist experimentell, immer auf dem Weg, antiklassisch, mit einem Wort: modern.

Eine bohrende und manchmal nervöse Inständigkeit führte in früheren Bildern Tollmanns zu einer düsteren Monochromie: das Bild in seinen nervenhaften Verästelungen unterwarf sich einem durchgehenden Hauptton, um seine Gestalt zu wahren. Die neueren Bilder sind heller in der Stimmung, kräftiger in der Farbe und entschiedener in der Komposition—Resultate eines künstlerischen, aber auch menschlichen Reifeprozesses. Disziplinierung aber bedeutet bei Tollmann nicht Verlust der Substanz, Absinken ins Glatte, Gefällige. Auf die Tilgung vordergründiger Psychologie erfolgte die Eroberung des festen Bildbaus. Die „Visagen” mit ihrer nervösen Zerfaserung wurden abgelöst durch eine Serie von Grisaillen und Kollagen, die in der Reduzierung auf wenige Tonstufen und Farbwerte jene formale Festigung brachten, ohne die die jüngsten Arbeiten, die Großformate vor allem, nicht zu denken wären. Das zeitliche Nacheinander malerischer Aktionen wird mehr und mehr zur Gleichzeitigkeit einer reflektierten Spontaneität.

Tollmanns Malerei ist ein „work in progress”, die stufenweise Eroberung malerischer Dimensionen, und darüber hinaus der Beweis für daraus resultierende gültige Lösungen.

Harald Hartung

Die Originalfassung liegt hier vor

Bislang wohl unbekannt, Hartung setzte sich auch malerisch mit Tollmann auseinander. Neben dem Text wurde mir ein Werk Hartungs überlassen, das die Beziehung zwischen Hartung und Tollmann schon sehr früh, auch in der künstlerisch malerischen Dimension, erfasst. Diese Arbeit Hartungs, sprachlich und malerisch, ergänzt die mehr als 85 Arbeiten zum Werk Tollmanns, die zur Verfügung stehen. Mit diesem herausragenden Material ist es möglich das Werk Tollmanns umfassend darzustellen.

Der Verzweifelte, Harald Hartung 1965

Harald Hartung wurde am 29. Oktober 1932 in Herne/Westfalen als Sohn eines Bergmanns geboren. Er verbrachte seine Kindheit in Herne, Mülheim-Ruhr und Prag (1945). Nach dem Abitur 1954 studierte er Germanistik und Geschichte in Münster und München und machte 1960 sein Staatsexamen. Er arbeitete als Studienrat und Fachleiter an Höheren Schulen im Ruhrgebiet, zuletzt in Bochum. Seit dem WS 1966/67 in Berlin, wurde er 1971 Professor an der PH Berlin. Von 1981 bis WS 1997-1998 war er Professor für Deutsche Sprache an der TU Berlin. Als Nachfolger Walter Höllerers war er 1983-1986 Direktor des Literarischen Colloquiums Berlin. 1988 war Hartung Ehrengast der Villa Massimo, Rom. 1997 erhielt er das Thyssenstipendium St. Louis. Hartung ist Mitglied des PEN-Clubs, der Akademie der Künste Berlin, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt.
Harald Hartung arbeitet als Lyriker, Essayist und Kritiker. Er ist seit 1975 regelmäßiger Mitarbeiter am Literaturblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Der Verzweifelte, Harald Hartung 1965. Verso betitelt, datiert und signiert. Das Werk und die Einführung zur Vernissage sind Bestandteil unserer Tollmann Reihe und nicht einzeln zu erwerben.

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